Presse


 

Auch sie sind Herzenshüter

Deborah Lanz' Trilogie feiert derzeit in Interlaken Erfolge. Im Dezember kommt der dritte Teil auf die Bühne. Neben Lanz sind auch viele Schauspieler des Art7 Ensembles in Aktion. (...)
Jeanne Zaugg (23), alias Sophie. Foto: Nora Devenish
Jeanne Zaugg (23), alias Sophie. Foto: Nora Devenish

Die Wilderswilerin schloss soeben die Freiburger Schauspielschule im Breisgau erfolgreich ab. «Deborah Lanz war ausschlaggebend, dass ich meinen Traum, Schauspielerin zu werden, verwirklichte.» Zu Beginn ihrer Ausbildung vor vier Jahren wusste sie nicht, auf was sie sich einliess. «Als Schauspielerin lernt man nie aus.» Derzeit besucht Jeanne Zaugg verschiedene Castings, eine Zusage für die Regieassistenz für einen Schweizer Kurzfilm hat sie bereits. «Ich nehme mir die Zeit, die gesamte Palette des Schauspielerdaseins auszuprobieren.» Bereits als Gymnasiastin war sie bei Art7 dabei: «Debbie bringt viel Menschlichkeit mit. Sie zeigt, dass es durchaus okay ist, zu seinen Emotionen zu stehen.» Das gesammelte Vorwissen half Jeanne Zaugg, die Schauspielschule überhaupt durchzustehen. «Es ist kein Kasperlispiel. Man lotet ständig seine Grenzen aus, steht Konflikte aus und lernt sich so besser kennen.» (...)

 

 

Jungfrau Zeitung, 26. Oktober 2017

von Nora Devenish

 

Deborah Lanz' zweiter Streich

Gelungene Premiere im Kunsthaus. Das Theaterensemble Art7 präsentierte den vielerwarteten zweiten Teil der Trilogie «Herzenshüter». «Im Schatten» hält der Gesellschaft den Spiegel vor und geht unter die Haut.

Beklemmende Stille im ausverkauften Art7-Theatersaal im Kunsthaus. Die «Herzenshüter – Im Schatten»-Zuschauer werden Zeugen des Psychiatriealltags. Nach durchzechter Nacht und einem Suizidversuch findet sich Erfolgsfrau Sophie (Jeanne Zaugg) in der geschlossenen Anstalt wieder. Ihr Leben ist ein Scherbenhaufen. Eingestehen will sie sich dies nicht – «Pflichtbewusst und genau. Deswegen werde ich auch so sehr geschätzt. Mir geht es einfach wunderbar. Mir fehlt es an gar nichts.» In der Klinik trifft die junge Frau auf tragische Einzelschicksale und eine bornierte Klinikleitung.

 

Ticktack, ticktack – Einfallslosigkeit und Monotonie bestimmen den strukturierten Tagesablauf. Patienten sind eine Nummer, die es gilt, in Schach zu halten. Bloss keine Aufregung, nur keine falsche Aufmerksamkeit. Allein Patientin Amanda (Deborah Lanz) scheint den Durchblick zu bewahren. Durchgeknallt und provokant kommt sie daher. Ihrer Art wegen aus der Mitwelt verstossen, trotz intaktem Menschenherzen. Sie nimmt sich vor, die ver-rückte Welt zurechtzurücken. Doch Amanda eckt an, bis an die Grenzen des Ertäglichen.

Am Tiefpunkt angelangt. Wegschauen geht nicht. Sophie Lempke (Jeanne Zaugg) Foto: Nora Devenish
Am Tiefpunkt angelangt. Wegschauen geht nicht. Sophie Lempke (Jeanne Zaugg) Foto: Nora Devenish

Die Wahrheit ergründet

Die Autorin, Regisseurin, Produzentin und Schauspielerin Deborah Lanz offenbart sich mit ihrer Trilogie «Herzenshüter» von ihrer persönlichsten Seite. Sie selbst beschreibt das Grosswerk zum zehnjährigen Jubiläum ihrer Theatertruppe Art7 als «Herzensgeschichte, die berührt und die für jeden nachvollziehbar sein wird.» «Herzenshüter – Im Schatten» ist somit auch Herzensangelegenheit. Lanz hält dem Publikum den Spiegel der Realität vor – «Guck dich mal so richtig an, so richtig!» Wegschauen geht nicht. Was sich auf der Bühne abspielt, ist eindringlich und wahr. Hier dreht sich ein Hamsterrad, dort setzt die Achterbahn zur Berg- und Talfahrt an, immer schneller, immer höher, immer tiefer. Wir gehen zu weit, stossen dabei an unsere Grenzen. Selbstbetrug. Nur wenige gestehen ihn sich ein. Die meisten verurteilen jene, die wagen, den Hebel rechtzeitig umzuschalten und innezuhalten. Genau deshalb sei es umso wichtiger, dass es einmal gesagt wird, findet Lanz. In den Worten ihres Alter Egos Amanda: «Ihr fürchtet euch vor eurem eigenen Leben. Vor eurem Sinn, vor eurem Sein.»

Sophie Lempke (Jeanne Zaugg) Foto: Nora Devenish
Sophie Lempke (Jeanne Zaugg) Foto: Nora Devenish
Grandiose Performance
An dieser Stelle muss nicht nur der Mut zur Thematik von «Herzenshüter – Im Schatten», sondern unbedingt auch die schauspielerische Leistung des zwölfköpfigen Ensembles hervorgehoben werden. Art7 ist nach zehn Jahren längst keine Laienbühne mehr. Viele der Schauspieler sind bereits seit Anfang mit dabei, einige seit klein auf oder verfolgen mittlerweile dank Deborah Lanz' Ägide den Weg einer professionellen Schauspielkarriere. Die «Im Schatten»-Performance ist schlichtweg beeindruckend, gerade auch der Komplexität der dargestellten Problematik wegen. Es dürfte zu den grossen Herausforderungen der Schauspielerei gehören, dunkle Seelenwelten zu entblössen, noch dazu vor heimischem Publikum. Art7 schreckt auch davor nicht zurück und erobert sich so verdientermassen die Herzen und Hochachtung der Zuschauer.

 

«Herzenshüter – Im Schatten» spielt noch bis am 26. November im Kunsthaus Interlaken. Der letzte Teil der Herzenshüter-Trilogie «Die Königin» wird im Dezember aufgeführt. Dann erscheint auch das Bilderbuch zur Produktion «Die Landkarte zum Herzen». Ein Roman soll 2018 erscheinen, eine Tour nach Bern und Luzern ist geplant.

Jungfrau Zeitung, 20. Oktober 2017
von Nora Devenish

 

Brautjungfern, die ihr Leben beichten

 

Theaterensemble Puck spielt Alan Balls schwarzhumorige Komödie "Fünf im gleichen Kleid" in der Freiburger Experimentalbühne.

Eine Uniform, aber fünf sehr unterschiedliche Frauen. Foto: Nistor
Eine Uniform, aber fünf sehr unterschiedliche Frauen. Foto: Nistor

Wer jemals in eine amerikanische Hochzeit involviert war, kann sich lebhaft vorstellen, wie die Brautjungfern in Alan Balls schwarzhumoriger Komödie "Fünf im gleichen Kleid" leiden: Wie "Stehlampen" fühlen sie sich in ihren figurbetonten bodenlangen silbernen Abendkleidern, passenden Handschuhen und Highheels – und dem Feder-Fascinator auf dem Haupt. Im Laufe des Abends auf der Experimentalbühne im E-Werk dürfen die Schauspielerinnen des Theaterensembles Puck die Garderobe zwar wechseln – aber auch das deutlich kleidsamere grüne Taftkleid ist eine Uniform. Dabei verhandeln die jungen Frauen im rund 90 Minuten dauernden Stück des preisgekrönten Drehbuchautors ("American Beauty") doch vor allem ihre Verschiedenheit …

Frances (Jelisaveta Todorovski) macht den mal selbstbewusst, mal empört, mal kleinlaut vorgetragenen Satz: "Ich bin Christin!" zu ihrem Lebensmotto. Meredith (Jeanne Zaugg), Schwester der Braut, revoltiert gegen die Spießigkeit ihrer Familie. Trisha (Mia Lüscher) ist in jungen Jahren schon so vom Leben desillusioniert, dass sie allenfalls noch Ratschläge für die anderen parat hat. Georgeanne (Lena Müller) hat einfach mal jemanden geheiratet, nachdem sie von ihrem Exfreund bitter enttäuscht wurde – und Mindy (Cäcilia Bosch) ist lesbisch, wird aber für ihren Lebensentwurf von ihrer Familie mit Liebesentzug bestraft.

Die dialogstarke Komödie, mit kluger, leichter Hand realisiert von Nuscha Nistor (Regie, Bühne, Licht) und Mathias Willaredt-Nistor (Sound), findet im Schlafzimmer von Meredith statt. Im Zentrum steht ein großes Bett, außen herum Sessel und Stühle, ein Tisch, eine Kommode, Spiegel und ein Fitnessgerät. In wechselnder Besetzung wird das Zimmer bespielt – während "draußen" mit großem Bohai der Empfang für das Brautpaar stattfindet, geht es "drinnen" um Liebe und Sex, Drogen und Religion, Schönheitsdiktat und Emanzipation. Der Unterhaltungswert ist hoch, einen Spannungsbogen gibt es, weil die Figuren allesamt eine Entwicklung machen: Das oberflächliche Geplauder der Brautjungfern weicht ernsthaften Lebensbeichten junger Frauen; Abgründe tun sich auf, die – es ist ein amerikanisches Stück – nicht jeder im Publikum auf sich wird übertragen können, die aber dennoch identitätsstiftend sind.

Die schauspielerische Leistung des Ensembles ist beachtlich: Bei der Premiere stimmten Timing, Tempo und Textsicherheit. Manche Geste, mancher Satz ist noch etwas überspielt – aber das fällt nicht weiter ins Gewicht. Hervorzuheben ist dennoch eine Szene – ausgerechnet die, in der der einzige Mann des Stücks auftritt: Tripps Werben um Trisha wird von Ruben Degendorfer und Mia Lüscher absolut überzeugend gegeben. Insgesamt eine feine Ensemblevorstellung, die bestens unterhält und lang anhaltenden Applaus erhält.

 

Badische Zeitung, 04. März 2017

 

 

von Heidi Ossenberg


 

Zwischen Leben und Tod

 

Ensemble Theater Puck beeindruckt mit der Inszenierung von Lukas Bärfuss' Stück 'Alices Reise in die Schweiz'

"Wer an seiner Würde Schaden nimmt, wenn der Kampf nicht abgebrochen wird..." - für den hält Gustav Strom die ultimative Lösung bereit: Eine Art Letzte-Wille-Pille, die ein sanftes und selbstbestimmtes Ende in gerademal fünf Minuten beschert. - Klar hat der Artzt dadurch jede Menge Ärger am Hals und verliert letztendlich seine Approbation, in seiner Mission bleibt er dennoch unbeirrbar: Er kämpft für das Recht auf menschenwürdigen Suizid, ganz im Sinne des berühmten Rütli-Schwurs in Schillers Wilhelm Tell: "eher den Tod, als in Knechtschaft leben!". Ist Strom ein Held? Ein missionarischer Eiferer oder gar ein gefährlicher, von Allmachtsfantasien infizierter Fanatiker?

Um diese Frage rankt der vielfach und aktuell mit dem Johann-Peter-Hebel-Preis ausgezeichnete Schweizer Schriftsteller und Dramaturg Lukas Bärfuss ("die sexuellen Neurosen unserer Eltern", "Der Bus") sein Stück "Alices Reise in die Schweiz". 2005 wurde es als Auftragsarbeit im Theater Basel uraufgeführt, jetzt zeigte das Freiburger Ensemble Theater Puck eine beeindruckende Inszenierung auf der Experimentalbühne im E-Werk (Regie und Bühnenbild: Nuscha Nistor).

"Machen Sie Listen, regeln Sie Angelegenheiten" rät Gustav Strom (Max Färber) seiner neuen Klientin beim ersten Beratungsgespräch. Alice wohnt in Norddeutschland, ist jung, hübsch und unheilbar krank. Jeanne Zaugg spielt sie so fragil wie entschlossen: Ihre letzte Reise wird todsicher und unumstösslich in die Schweiz führen, genauer gesagt nach Zürich, wo Strom in einem heruntergekommenen Mietshaus seine Sterbepraxis betreibt.

Alice (Jeanne Zaugg) und Gustav (Max Färber) Foto: Nistor
Alice (Jeanne Zaugg) und Gustav (Max Färber) Foto: Nistor

In 23 schnell geschnittenen Bildern auf karger Bühne switcht die Handlung nun zwischen Alices Wohnung und Stroms Praxis hin und her - für die Blacks dazwischen hat Mathias Willaredt-Nistor pulsierende Musik im Spagat zwischen Dur und Moll, Harmonie und Dissonanz komponiert. Dabei hält sich Bärfuss an die Fakten, verdichtet seine Szenen zu Schlaglichtern auf Stationen und Procedere der professionellen Sterbebegleitung.

Kitschalarm droht da quasi ständig, doch dank pointierter Dialoge und eindrucksvollem Schauspiel hält der Spannungsbogen und schafft nicht selten sogar noch einen Schwung ins Tragikkomische und Absurde. So reagiert Alices Mutter (Lena Müller) mit ebenso sturer wie schlüssiger Verzweiflung auf den Todesentschluss ihrer Tochter ("du warst so ein süsses Kind..."): Will ihr ein Vesper für diese Reise aufnötigen, weil Bahnhöfe nun mal überteuert sind, ignoriert, tobt und trotzt - und kann am Ende zwar weinen, aber nicht loslassen.

Eine schillernde Figur ist auch Stroms Assistentin Eva: Viktoria Prichodko spielt sie als morbile, aufgekratzte Voyeurin und hörige Bewunderin, die schliesslich zusammenbricht und geht, um in einem Kinderheim zu arbeiten. Überhaupt arbeitet Bärfuss zunehmend Brüche und Zweifel heraus und schafft damit eine spannende Diskussionsvorlage: Dass Alice sich in ihren Doktor Tod verliebt und sogar ein Wochenende am Meer mit ihm verbringt, bringt diesen nicht von seiner Mission ab: So fixiert ist er auf seine Sterbehilfe-Rolle, dass er die Veränderungen nicht wahrnehmen kann und will.

Zunehmend genervt ist er auch von jenem sterbenskranken John (Ruben Degendorfer), der dreimal anreist, Whiskey trinkt, Vogelstimmen nachmacht, seltsame Geschichten erzählt - und jedes Mal wieder nach Hause zurückkehrt. Und der vierschrötige Vermieter (Hannes-Severin Rockus) plustert sich als mutiger Unterstützer auf, sieht den Tod aber nur als Geschäft. Allein der Aspekt der modernen Technikmedizin fehlt in dieser Bestandesaufnahme. Ein intelligentes Stück, toll gespielt.

 

Kultur Joker, Mai 2016

 

von Marion Klötzer


 

Leidenschaft so aktuell wie zu Shakespears Zeiten

 

Markus Schlüter inszeniert "Romeo und Julia" mit Studierenden der Freiburger Schauspielschule auf der Experimentalbühne.

 

"Zwei Häuser, beide an Ansehen gleich entfachen neuen Streit aus altem Hass im lieblichen Verona, dem Schauplatz unseres Stückes": Der Anfang des berühmten Theaterstücks "Romeo und Julia" von William Shakespeare in der deutschen Übersetzung von August Wilhelm Schlegel könnte auf altmodischen Romantizismus hinweisen. Davon ist in der Interpretation, die der Regisseur Markus Schlüter mit Studierenden der Freiburger Schauspielschule auf die Experimentalbühne im E-Werk bringt, jedoch nichts zu merken. Schlüter, selbst Schauspieler beim Theater der Immoralisten, präsentiert eine durchdachte und einfallsreiche Setzung. Die hervorragende schauspielerische Leistung des Ensembles sorgt für Spannung bis zur letzen Szene.

Als das Publikum den kleinen abgestuften Zuschauerraum der Experimentalbühne im E-Werk betritt, stehen bereits alle Schauspieler auf der Bühne – regungslos in zwei Reihen, streng getrennt in die zwei rivalisierenden Familien, die Capulets und die Montagues. Die Charakterisierung der Sippen ist speziell, aber stimmig: Die Capulets sind Rockerinnen in Lack und Leder, die Montagues eine Checkerbande, sportlich lässig. Romeo (Ilja Baumeier) und seine Freunde Mercutio (Tim Huber) und Benvolio (Ruben Degendorfer) tauchen uneingeladen auf dem Maskenball des Grafen Capulet (Lena Müller) auf, wo sich Romeo und Julia (Mia Lüscher) sofort ineinander verlieben. Das verbessert jedoch nicht die angespannte Stimmung zwischen den Clans, und als in der Folge zunächst Tybalt (Jeanne Zaugg) Mercutio und Romeo dann Tybalt umbringt, werden die Liebenden getrennt. Durch ein Missverständnis misslingt auch der Gifttrick, und erst im gemeinsamen Tod sind Romeo und Julia endlich vereint.


Der Ernst des Konflikts wird auch im modernen Gewand deutlich, da die Schauspieler emotional und mit viel Ausdruck agieren. Höhepunkte sind die Szenen in Zeitlupe. Kämpfe, Morde und auch der Maskenball bekommen so eine besonders ästhetische Emphase. Gleichzeitig werden einzelne Ereignisse geschickt aus der Slow Motion herausgehoben, etwa das erste Aufeinandertreffen von Romeo und Julia. Das Ensemble ist meist als Kollektiv präsent, verstärkt Monologe im Flüsterton, unterstreichet Streitszenen durch gleichmäßiges Stampfen, klagt gemeinsam in einer großen Kakophonie um Julia.

Schlegels Übersetzung wird nicht konsequent durchgehalten, sondern immer wieder auf humorvolle Weise unterbrochen, etwa wenn in der Liebesszene aus dem Dunkeln Romeos Stimme erklingt: "Nachtigall?". Und Julia antwortet trocken: "Lerche!". Das temporale Crossing-over kommt auch zur Geltung, wenn Graf Paris (Max Färber) auf die Frage des Grafen Capulet "Wie dünkt Euch Donnerstag?" sein Smartphone zückt.

Mit den resümierenden Worten "Nur düstern Frieden bringt uns dieser Morgen" des Prinzen von Verona (Cäcilia Bosch) bewegen sich die verfeindeten und gleichermaßen über die Verluste trauernden Lager aufeinander zu. Markus Schlüter gelingt es, das Stück einzigartig zu gestalten, ohne es zu verunstalten. Die von Mia Lüscher großartig gespielte Verzweiflung der Julia ist bewegend. Leidenschaft und Trauer sind ebenso aktuell, wie sie es zu Shakespeares Zeiten waren.

 

Badische Zeitung, 09. Januar 2016

 

von Dorothea Rusch

Tybalt (Jeanne Zaugg) Foto: Andreas Lörcher

Capulet gegen Montagues Foto: Markus Schlüter



 


Es braucht listige Frauen

 

 

Ensemble Puck spielt Molières "Der eingebildete Kranke.

 

Wie bei einem nostalgischen Papiertheater öffnet sich die in sepiafarbenes Schummerlicht getauchte Bühne im Freiburger Kiew-Theater mit beeindruckender Tiefenwirkung: Vorne sitzt ein beleibter Lockenkopf mit Rüschenhemd am barocken Tischchen, dahinter räkeln sich seine Töchter mit Spitzenhauben in den Betten, am Ende thront ein Toilettenstuhl, zu dem jener Argan (Hannes Severin-Rockus) immer dann mit zusammengekniffenen Pobacken schleicht, wenn das Klistier durch die Gedärme rauscht.

Kostüm und Requisite wirken also ganz klassisch bei dieser Inszenierung von Molières berühmtester und letzter Komödie "Der eingebildete Kranke". Die Gründer des Freiburger Ensemble Puck, Nuscha Nistor und Mathias Willaredt-Nistor, potenzieren dessen Satirefaktor noch, indem sie eine Mixtur aus Cembalo- und Stummfilmmusik den Auftritt von Argans frischverliebter Tochter Angélique (Cäcilia Bosch) begleiten lassen, die wie im Rausch über die Bühne taumelt. Blöd nur, dass der Vater sie aus Eigennutz schon an einen Arzt verschachert hat und selber so ein jammerlappiger Spielball zwischen geldgieriger Gattin und Quacksalbern ist. Da braucht es für ein Happyend listige Frauen wie Dienstmädchen Toinette (Jelisaveta Todorovski) und die esoterisch angehauchte Béralda (Lena Müller).

Dynamisch, mit pfiffigen Regieideen und bissiger Ärzteschmäh schnurrt die Komödie um den hypochondrischen Argan dahin. Die jungen Schauspieler agieren lebendig zwischen großem Gefühl und gestelzter Groteske, die Pointen sitzen. Köstlich nicht nur die Zwillingskobolde Louison (Mia Lüscher) und Louisette (Jeanne Zaugg). Dabei sind die musikalischen und choreografischen Elemente ein Markenzeichen der beiden Theatermacher Nistor und Willaredt-Nistor: Jede Szene hat hier ihren spezifischen, am Keyboard live gespielten Sound, jede Figur eine expressive und choreographierte Körpersprache. Interessant auch, dass Molières in Deutschland fast unbekannte "Comédie-Ballet"-Zwischenspiele mit ägyptischen Gauklern und gruseligem Ärzte-Finale auf die Bühne kommen. Klassikerfans sind hier gut aufgehoben, für alle anderen ist dieser Molière zu klassisch.

 

Badische Zeitung, 23. April 2015

 

Von Marion Klötzer